Fangen wir mit Zero an

12 Luglio 2021

Von Nicole Morpurgo

 

“Du bist nicht aus dieser Welt!” rief mein Bruder lachend aus.
Und ich war stolz darauf, aus der Norm herauszufallen. Ein Stolz, den ich mir erkämpft hatte,
begleitet von widersprüchlichen Emotionen, der jetzt aber eine besondere Eigenschaft von mir ist.

Bis heute schätze ich diese Aussage, die in einem Sommer meiner Teenagerzeit mein Bruder
lachend ausgerufen hatte. Ja, ich bin stolz darauf, Nicole zu sein. Weiblich. Schwarz. Italienisch. Deutsch. Haitianisch.

Kurz gesagt: Ich bin. Ich existiere. Doch in den Büchern, die man in der Schule liest, ist nicht
von mir die Rede, ich habe viele Seiten überflogen oder auch gelesen und habe mich nicht
gefunden.

Ich habe Filme in Gesellschaft von Freunden gesehen, sie wurden dargestellt, ich nicht.

Man sollte jetzt nicht denken, dass ich allein bin oder mich allein fühle; im Gegenteil, ich befinde mich in Gesellschaft vieler anderer Minderheiten, die in Mainstream-Filmen und-Geschichten entweder gar nicht vorkommen oder eine zweitrangige Rolle spielen. Jetzt, in meinem siebenundzwanzigsten Lebensjahr, hoffe ich zum ersten Mal, mehr DarstellerInnen auf dem italienischen Bildschirmen zu sehen, um denjenigen, die einer Minderheit angehören, ein Gefühl der italienischen Zugehörigkeit zu vermitteln, das ihnen zu lange verwehrt wurde.

Zugehörigkeit und Sichtbarkeit stehen im Mittelpunkt von Zeros Erzählung. Omar ist ein
Teenager auf der Suche nach sich selbst in einer Gesellschaft, die ihn entweder mit jemand
anderem verwechselt, der er nicht ist, oder ihn überhaupt nicht sieht. Sichtbarkeit gibt einem

die Möglichkeit, sich als Teil einer Gruppe zu verstehen und positive und negative Emotionen

mit denjenigen zu teilen, die ähnliche Realitäten (er-)leben wie man selbst.

Sichtbar zu sein gibt einem das Recht, dazuzugehören und ein Selbstverständnis zu haben.

Wir existieren als Individuen, weil unser Dasein durch die Zugehörigkeit zu einer Gruppe gerechtfertigt wird.

Wie ich, leben die Protagonisten von Zero in einer Gesellschaft, die ihre Präsenz nicht anerkennt, indem sie sie “unsichtbar” macht. Diese aufgezwungene Unsichtbarkeit macht Zero zum Superhelden: Unterstützt und angeleitet von Freunden, eignet er sich das Konzept der Unsichtbarkeit an und verwandelt es von einem negativen in ein positives, indem er es zu seinen Gunsten arbeiten lässt.

Ich denke, dass der fortwährende Kampf und der Kampfgeist von Minderheiten, unabhängig von Geschlecht, Kultur oder Religion, Ausdruck einer ganz besonderen Kraft ist.

Obwohl das Superhelden-Genre in Zero funktioniert, nimmt es meiner Meinung nach Raum weg von den Themen der sozialen Ungleichheit, des Rassismus, von den schwierigen Prozessen der Dokumentation der zweiten Generation von ItalienerInnen und vor allem von einigen der Charaktere.

Ich hätte gerne mehr von Sara gesehen, dem klugen Kopf der Gruppe; sie ist diejenige, die der Gruppe beibringt, wie man Gedanken in Taten umsetzt.

Vor den Ereignissen, die dazu führen, dass Zero Teil der Gruppe wird, ist sie die einzige, der es gelingt, einen produktiven sicheren Ort im Proberaum namens Studio Basement zu schaffen.

Aber sie ist auch die einzige, die keine Eltern mehr hat, was keine Kleinigkeit ist, wenn man bedenkt, dass eine der vielen Schwierigkeiten der anderen Jugendlichen darin besteht, mit den Regeln zu leben, die ihre Eltern ihnen diktieren.

Regeln, die mit Traditionen verbunden sind, die im Vergleich zum italienischen Leben nur schwer bestehen k nnen. Zweimal werden wir Zeuge, wie Familienmitglieder Papiere beschlagnahmen oder ihre eigene Stellung innerhalb der Familie ausnutzen, um den Verdienst ihrer Kinder an sich zu rei en.

Tatsachen, die den häuslichen Raum zu einem Ort der Konfrontation zwischen den Eltern, die an die Traditionen ihres Herkunftslandes gebunden sind, und den Kindern machen, die gezwungen sind, ein Gleichgewicht und ein Gefühl der Zugeh rigkeit zwischen den Traditionen zwei unterschiedlicher Länder zu finden.

Awa, Zeros Schwester, steht dagegen in den letzten Folgen der Serie im Mittelpunkt des spannendsten Cliffhangers und stiehlt ihrem Bruder, der ironischerweise nicht mehr in der Lage ist, sich sichtbar zu machen, die Show.

Ich hoffe, dass die Handlungsstränge dieser beiden jungen Frauen in einer möglichen zweiten Staffel ihr volles Potenzial entfalten werden.

Ich träume davon, dass Zero den Beginn einer inklusiven Erzählung markiert, auch wenn es noch ein weiter Weg sein wird, bis diese sich etabliert.

Damit will ich aber keineswegs die immense Bedeutung schmälern, die die Produktion dieser Serie für die italienische schwarze Community und hoffentlich auch für die anderen Minderheiten darstellt, die ich gerne auf italienischen Bildschirmen sehen würde.

Als aufstrebende Kamerafrau, die ich bin, ist eine Figur wie Sara, jung, weiblich, die sich ihre Karriere aktiv aufbaut, extrem wichtig. Von einer Kunstschule mit Schwerpunkt Grafik in Mailand kommend, gewann ich ein Sportstipendium und im Jahr darauf ein akademisches Stipendium.

Ich habe in den Vereinigten Staaten Film studiert und hatte das Glück, sowohl in Los Angeles

als auch in New York Arbeitserfahrung zu sammeln.

 

Heute entwickle ich mein Wissen weiter, vor allem im Bereich Kamera und Beleuchtung. Die Idee, als Kamerafrau zu wirken, fasziniert mich, weil es eine Arbeit ist, die einen st ndigen Prozess der Entwicklung erfordert.

So sehe ich auch Zero.

Zero soll nicht das Ziel sein, sondern der Beginn einer gesellschaftlichen Entwicklung.

 

Von der Autorin selbst aus dem Italienischen übersetzt.

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